Die Ethno-Zahnmedizin ( „Volksstamm“) beschäftigt sich mit den Zähnen und der Mundgesundheit indigener Kulturen. Ebenso gehört die Erforschung der verschiedenen Prozeduren der Zahn- und Lippenveränderungen zum relativ neuen Fachgebiet.Roland Garve, Ethno-Zahnmedizin, ZWP. Sonderdruck. Abgerufen am 6. April 2015.
Deformation von Mund und Lippen Der Lippenteller ist ein Hilfsmittel für die Formung von Tellerlippen, dem Schönheitsideal verschiedener afrikanischer und amerikanischer Ethnien. Beispielsweise wird beim äthiopischen Volk der Mursi die Unterlippe aufgeschnitten und langsam gedehnt, indem immer größere Tonteller eingesetzt werden. Ein besonders großer Lippenteller wird hoch angesehen. Frauen werden ab dem 20. Lebensjahr einige Zähne ausgeschlagen.Rüdiger Nehberg: Survival: Die Kunst zu überleben. Ullstein, Frankfurt am Main 1982, S. 49. Ein Labret-Piercing (lat.: labrum, Lippe) ist ein Piercing im Bereich der Lippen und ist nach wie vor traditionell bei unterschiedlichen Ethnien in Afrika, Asien und Lateinamerika fester Bestandteil der Kultur.
Zahndeformation Die Anatomie von Zähnen weist unter den Ethnien gelegentlich Unterschiede auf, sowohl in der Höckerform der Molaren bei Amazonasindianern, der Größe des Pulpenkavums, der Schmelzdicke oder in der Anzahl der Wurzeln. Die ersten unteren Molaren der Xingu-Indianer in Brasilien verfügen nicht selten über drei Wurzeln, wobei gleichzeitig die zweiten Molaren nur eine Wurzel haben. Die mittleren oberen Frontzähne weisen oft eine starke palatinale Schaufelform und Flügelbildung auf.R. González-José, M. C. Bortolini, F. R. Santos, S. L. Bonatto: The peopling of America: craniofacial shape variation on a continental scale and its interpretation from an interdisciplinary view. In: American journal of physical anthropology. Band 137, Nummer 2, Oktober 2008, , S. 175–187, doi:10.1002/ajpa.20854, PMID 18481303.
Bei der Zahndeformation lassen sich drei Formen unterscheiden: (1) Die Kanten der Schneidezähne werden abgesplittert, (2) die oberen oder unteren Schneidezähne werden ausgeschlagen und (3) einzelne oder alle Schneidezähne werden spitz zugefeilt.
Rituelle Zahnentfernung Rituelle Zahnentfernungen waren bei vielen australischen Stämmen der Aborigines üblich. Die in Namibia lebenden Himba und die Surma aus Äthiopien pflegten den Brauch, den Kindern im Alter von sieben bis neun Jahren die unteren vier Schneidezähne herauszubrechen. Ursprünglich sollte diese „Lücke“ als Gegenlager zur Aufnahme eines Lippenpflocks oder einer Scheibe dienen. Beiden afrikanischen Stämmen ist ein Kulturelement gemeinsam, das durch die gemeinsame Abstammung von den Herero, einem ostafrikanischen, halbnomadisch lebenden Volk, zu erklären ist.Susann Lindemann: . Dissertation, 2007, Universität Greifswald, S. 2.
Im alten China mussten sich Frauen bei den Gelao (; ) während der Hochzeit zwei ihrer Frontzähne ausschlagen lassen, um, wie es damals hieß, „zu verhindern, dass die Familie des Mannes Schaden nähme“.
Man fand drei Varianten der Zahndeformationen auf den ostasiatischen Inseln und in Ozeanien: Zahnfeilung als Schmuck bei den Völkern der ostasiatischen Inseln Zähneausbrechen nach der Pubertät in Australien und Teilen von Melanesien Zähneausbrechen zum Zeichen der Trauer in Polynesien.
Rituelle Zahnentfernungen gab es auch im frühbäuerlichen Mittelmeerraum, wie sich für Italien und Tunesien nachweisen ließ. Anscheinend wurden häufig – mindestens bei jeder dritten erwachsenen Frau – die Zähne aus kosmetischen, beziehungsweise gesellschaftlichen Gründen entfernt oder stellten einen Initiationsritus dar.John Robb: The Early Mediterranean Village. Agency, Material Culture, and Social Change in Neolithic Italy, Cambridge University Press, Cambridge 2007, S. 38.
Prozedur In Falldarstellungen wird beschrieben, wie bei den Völkern der Dinka und Nuer aus dem Südsudan die Zahnentfernung vor sich ging. Im Alter von sieben Jahren wurden einem Kind die vier unteren Schneidezähne und die beiden unteren Eckzähne von einem „Zahnzieher“ (Naak) – der ohne jegliche Entlohnung tätig wird – entfernt. Das Kind musste sich auf den Bauch legen. Der Naak kniete sich auf das Kind und legte den Kopf des Kindes zwischen die Knie. Er fasste mit der Hand unter das Kinn des Kindes, zog den Kopf des Kindes zurück und schob ein kleines Messer zwischen die beiden mittleren Schneidezähne. Er bewegte das Instrument hin und her mit luxationsartigen Bewegungen, um die Zähne zu lockern. Anschließend wurde das Zahnfleischgewebe von den Wurzeloberflächen getrennt und das Instrument nach apikal entlang der Wurzeloberfläche geschoben und mit jeweils einer Aufwärtsbewegung ein Zahn nach dem anderen herausgehebelt. Das alles ging sehr schnell und ohne Betäubung. Das Kind durfte nicht weinen, sondern musste heldenhaft wirken. Nach der Prozedur gab man dem Kind heiße Milch zu trinken.M. S. Willis, L. E. Harris, P. J. Hergenrader: On traditional dental extraction: case reports from Dinka and Nuer en route to restoration. In: BDJ. 204, 2008, S. 121, doi:10.1038/bdj.2008.46. Die Prozedur war sicherlich sehr schmerzhaft, jedoch erträglicher, als sie bei einem Erwachsenen gewesen wäre. Zum einen ist das Wurzelwachstum der Zähne in diesem Alter noch nicht abgeschlossen, so dass die Zähne noch nicht sehr fest im Kiefer verankert sind. Zum anderen ist der kindliche Knochen noch weich, so dass ein Herauslösen eines Zahnes einfacher vonstattengeht.
Ursprung Angeblich gehe der Ursprung der Zahnentfernung darauf zurück, dass diese Völker bei ihren Kindern Frontzahnlücken schaffen wollten, um eine Nahrungsaufnahme auch bei einer Tetanusinfektion (Wundstarrkrampf) zu ermöglichen. Nach ersten leichteren grippeähnlichen Symptomen tritt beim Tetanus als erstes Leitsymptom eine Kieferklemme durch einen Krampf der Kaumuskulatur auf. Obwohl seit Jahrhunderten kein Fall von Tetanus aufgetreten sei, habe sich der Ritus erhalten und wurde zum Schönheitsideal: „Ohne Frontzahnlücken würde man wie ein Schakal aussehen“.Psychology: Humans Will Justify Almost Anything, Newsweek, 2007. Abgerufen am 26. April 2015. Wären die Unterkieferzähne nicht extrahiert worden, hätte er nicht mehr mit älteren Jungen oder einem der Mädchen sprechen dürfen; er hätte als unreif gegolten.
Rituelle Zahnfeilung mini|250px|Feilmuster Nyam-Nyam (Kongo) mini|links|110px|Zahnveränderungen:1–3: Afrika;4–6: Malaysia. In Abhängigkeit von den jeweiligen Völkern unterscheidet man verschiedene Deformationstypen, die an Zähnen durchgeführt werden: Es gibt die Spitz-, Lücken-, Flächen- oder Zackenfeilungen der Zähne, Horizontalfeilungen bis hin zum kompletten Absägen der Zahnkrone. Hinzu kommen Furchen-, Zellen- und Relieffeilungen, das Verdrängen von Frontzähnen aus ihrer natürlichen Position, die Schaffung und Vergrößerung von Diastemata bzw. Lücken, das Herausbrechen oder -hebeln einzelner oder mehrerer Zähne mittels Speerspitze oder Steinschlag, die Elongation (scheinbare Verlängerung) mittlerer Frontzähne, den Zahnschmuck und die künstliche Färbung der Zähne.William Henry Flower, Fashion in deformity, Verlag MacMillan, London, 1881, S. 29.
Im Gräberfeld von Kopparsvik fand man bei zahlreichen Männern auf ihren oberen Vorderzähnen horizontale Linien, die zu Lebzeiten eingefeilt wurden. Das Phänomen ist vereinzelt auch auf Öland und in Schonen und Dänemark beobachtet worden. Die Sitte seine Gruppenzugehörigkeit durch eine Modifizierung der Zähne zu kennzeichnen, war und ist auch bei den Aeta verbreitet.litera1no4.tripod.com: (englisch) Mit Hilfe von Messern oder Macheten bearbeiten die Dumagat gegen Ende der Pubertät ihre Zähne mittels Abfeilen und Anspitzen (Tayad). Die Zähne färben sich einige Jahre danach schwarz.
Aus religiösen Gründen muss bei jedem Hindu im Bali-Hinduismus nach der Pubertät, jedenfalls vor der Hochzeit, aber spätestens vor dem Tod eine Zahnfeilung an den oberen Eck- und Schneidezähnen (Masangih, Mapandes) durch einen sanging (priesterlicher Zahnfeiler) mittels einer kleinen Feile „kikir“ vorgenommen werden. Die Hindus glauben, dass eine Seele nur in einem menschlichen Körper wieder geboren werden kann, wenn an diesem zu Lebzeiten eine Zahnfeilung vorgenommen wurde. Sie dient dazu, den Unterschied zwischen Menschen und nicht menschlichen Wesen hervorzuheben. Die oberen und unteren Eck- und Schneidezähne gelten als Sitz verschiedener Leidenschaften des Menschen. Das Ziel der Zahnfeilung ist es, die sechs Laster (Sad Ripu) des Menschen zu regulieren, wobei die unteren Zähne in ihrer natürlichen Form belassen werden:dent-aesthetic.de: journal-ethnologie.de: krodha (Zorn), kama (Wollust), loba (Habgier), mada (Unbeherrschtheit), moha (Dummheit) und matsarya (Eifersucht).
Bei den Toba-Batak in Sumatra gilt die Zahnfeilung (pasae utang, „Schulden tilgen“) ebenfalls als notwendige Voraussetzung zur sexuellen Reife.
Bei vietnamesischen und sudanesischen Völkern sowie in der Maya-Kultur wurden die Zähne scharf zugefeilt und manchmal Muster in sie geschnitzt, was die Zugehörigkeit zu den oberen Klassen auswies. Manche Kulturen schärften ihre Zähne, um Haie zu imitieren, zum Beispiel die Waparen in Afrika. Im Kongobecken wurden Männern der Upoto nur Zähne im Oberkiefer abgefeilt, während Frauen Zähne in beiden Kiefern abgefeilt wurden. Gleiche Riten waren bei den Mentawai Tradition.Ryan Ver Berkmoes: Indonesia. (eBook ed.) Lonely Planet Publications, 2010, S. 428, ISBN 1-74104-830-3.
400px|mini|Verschiedene Feilmuster an Frontzähnen aus Malaysia, 1886.
Aus Malaysia wird von insgesamt 20 Feilmustern berichtet, die bei verschiedenen Ethnien vorkommen. Die Zahnfeilung setzte sich auch als mildere Form der Herausbrechens von Zähnen durch, was als Trauerritus im Sinne eines Kasteiens ausgeführt wurde. Im hinterindischen Festland sind Zahnfeilungen von den Bahnars und Cédans im östlichen Teil Hinterindiens, von Stämmen des Küstengebiets in Cochinchina, von den Trauos und von den Siamesen (Thai) bekannt.Max Uhle, Über die ethnologische Bedeutung der Malaiischen Zahnfeilung, Abhandlungen und Berichte des Königl. Zoologischen und Anthropologisch-Ethnographischen Museums zu Dresden; 1886/87, Nr. 4.
Es ist davon auszugehen, dass das Abfeilen der Zähne zu einer Eröffnung der Zahnpulpa („Zahnnerv“) geführt hat, was äußerst schmerzhaft ist. Es wird berichtet, dass die Zahnschmerzen bis zu vier Wochen anhielten. Die Prozedur führte meist zu einer Devitalisierung (Absterben) der Zähne.
Zahnschmuck Schmucksteine Um das Jahr 900 verzierten aus rituellen oder religiösen Gründen die Mayas ihre Frontzähne mit verschiedenen Schmucksteinen, wie Jade, Cinnabarit, Serpentinit, Pyrit oder Hämatit, die man bei Ausgrabungen in Antigua Guatemala gefunden hat. Hierzu wurden präzise auf die Größe des Schmucksteins abgestimmte Löcher mit einem Bohrer und aufgeschwemmten Schleifmitteln aus Quarzmehl gebohrt. Es wurden mehr als 50 verschiedene Muster identifiziert. Es wird angenommen, dass jedes Muster eine Stammeszugehörigkeit darstellte oder eine religiöse Bedeutung hatte.Mayan Dentistry. Abgerufen am 18. September 2016. Aus Borneo sind bei den Dayaks Stiftzähne bekannt, die mit Bronzestückchen in Sternform belegt sind.
Zahnvergolden