mini|Zwei sog. Nazi-Glocken aus Thüringer Kirchen, die in der Sonderausstellung „Erforschung und Beseitigung. Das kirchliche ‚Entjudungsinstitut‘ 1939–1945“ zu sehen sind. mini|Erster Institutssitz im Predigerseminar-Haus, Bornstraße 11 (Eisenach) Das Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben (auch: Eisenacher Institut oder Entjudungsinstitut) war eine antisemitische Einrichtung von elf deutschen evangelischen Landeskirchen in der Zeit des Nationalsozialismus. Es wurde auf Betreiben der Kirchenpartei Deutsche Christen (DC) am 6. Mai 1939 in Eisenach gegründet und bestand bis 1945.
Ähnliche Ziele verfolgten das Institut zur Erforschung der Judenfrage der NSDAP und das staatliche Institut zum Studium der Judenfrage im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, das bereits 1934 gegründet worden war und später umbenannt wurde.
Entstehung Die 1932 gegründete Kirchenpartei der Deutschen Christen wollte den deutschen Protestantismus an den Nationalsozialismus angleichen, die 1933 gegründete Deutsche Evangelische Kirche (DEK) in den NS-Staat eingliedern und das Christentum von allen Einflüssen des Judentums trennen und „reinigen“. Die angestrebte „Entjudung“ umfasste unter anderem die Beseitigung des Alten Testaments (AT), die Reduktion des Neuen Testaments (NT) auf das Bild eines „arischen Jesus“ und die Umgestaltung der evangelischen Gottesdienste, Gebete, Lieder und Theologenausbildung nach „rassischen“ Kriterien im Rahmen des Kirchenkampfs ab 1933. Die DC hatten die Führung der meisten evangelischen Landeskirchen erobert, waren aber in sich zerstritten. Ihre radikalen Teile schlossen sich bis 1938 zur Nationalkirchlichen Bewegung bzw. Einigung Deutscher Christen zusammen.Art. Volksnomostheologie. In: Ingo Haar, Michael Fahlbusch, Alexander Pinwinkler (Hrsg.): Handbuch der völkischen Wissenschaften. Band 1+2, hier Band 2: Akteure – Netzwerke – Forschungsprogramme. 2., grundlegend erweiterte und überarbeitete Auflage. De Gruyter, Berlin/Boston 2017, ISBN 978-3-11-043891-8, S. 1559 (). Diese gewann im DC-Spektrum die Führung und Einfluss auf einige Landeskirchen.Dirk Schuster: Die Lehre vom „arischen“ Christentum. Göttingen 2017, S. 48–51 ().
Die DC-geführten Landeskirchen gründeten Anfang 1938 auf der Wartburg den Bund für deutsches Christentum und berieten dabei über ein „Amt für die Entjudung der Kirche“. Am 15. November 1938 (eine Woche nach den Novemberpogromen) sandte der Bund die Forderung des Thüringer Superintendenten Hugo Pich an alle evangelischen Landesbischöfe, dieses Amt zu gründen, um „die Verjudungsherde in Christentum und Kirche zu eliminieren“.Tanja Hetzer: Eisenacher Institut. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 5: Organisationen, Institutionen, Bewegungen. De Gruyter, Berlin 2012, ISBN 978-3-598-24078-2, S. 230–232, hier S. 231 ().
Am 21. November 1938 unterstützte der Jenaer Neutestamentler und NSDAP-Mitglied Walter Grundmann Pichs Forderung und legte einen Plan für eine „Zentralabteilung zur Entjudung des religiösen und kirchlichen Lebens“ vor. Die Judenfrage sei in ihr „akutestes Stadium“ getreten; die Kirchen müssten die Trennung von allem Jüdischen nun konsequent in allen ihren Tätigkeitsbereichen vollziehen.Art. Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben. In: Ingo Haar u. a. (Hrsg.): Handbuch der völkischen Wissenschaften. Berlin/Boston 2017, S. 1787 ().
Am 26. März 1939 schlug die Kirchenregierung unter Hanns Kerrl der DEK die Godesberger Erklärung vor, um deren durch den Kirchenkampf zerstörte Einheit auf möglichst breiter Basis wiederherzustellen, die Bekennende Kirche (BK) einzubinden und den Reichsbruderrat in ihr weiter zu isolieren. Dazu bezeichnete die Erklärung den Nationalsozialismus als konsequente Fortführung der Absichten Martin Luthers und behauptete, der christliche Glaube sei der „unüberbrückbare religiöse Gegensatz zum Judentum“. Am 4. April 1939 stimmten elf evangelische Landeskirchenleitungen dem Vorschlag zu, darunter auch einige Bischöfe der BK. Dabei beschlossen sie auch das geplante „Entjudungs“-Institut, um die Grundsätze der Erklärung umzusetzen. Der Beschluss wurde im Gesetzblatt der DEK veröffentlicht und erlangte damit kirchenrechtlichen Rang. Dies galt als großer Schritt zur Durchsetzung der DC-Ideologie in der DEK.Dirk Schuster: Die Lehre vom „arischen“ Christentum. Göttingen 2017, S. 79 (). Zwar stimmten Teile der BK der Godesberger Erklärung nicht zu, übernahmen aber deren antisemitischen Kernsatz und wandelten ihn nur zum „unüberbrückbaren religiösen Gegensatz zum Judaismus“ ab, den sie auch bei allen „nationalkirchlichen Bestrebungen“ ihrer Gegner am Werk sahen.Joachim Beckmann: Hoffnung für die Kirche in dieser Zeit. Beiträge zur kirchlichen Zeitgeschichte 1946–1974. (1981) Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1997, ISBN 3-525-55710-8, S. 289 ().
Nach der Gründung strich das Institut „und Beseitigung“ aus seinem Namen, um den jüdischen Einfluss auf das Christentum nicht generell vorauszusetzen und breitere Unterstützung zu gewinnen.Art. Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben. In: Ingo Haar u. a. (Hrsg.): Handbuch der völkischen Wissenschaften. Berlin/Boston 2017, S. 1488 ().
Gliederung Die Zentralabteilung sollte laut Grundmanns Plan drei Bereiche abdecken: ein Forschungsinstitut in Jena, das eine wissenschaftliche Zeitschrift herausgeben sollte, eine Bibelgesellschaft, die Kirchengesangbücher und die Bibel überprüfen und eine „entjudete Volksbibel“ vorbereiten und herausgeben sollte, eine Schule zur Fortbildung für Pfarrer, Lehrer und Kirchenvertreter, die ihnen die neuesten Erkenntnisse der anderen beiden Abteilungen vermitteln sollte. Die Evangelische Kirche sollte dieses Institut in ständiger enger Abstimmung mit dem Reichspropagandaministerium, dem Reichskirchenministerium, Reichserziehungsministerium, der Reichsleitung der NSDAP und dem Gauleiter Julius Streicher einrichten.
Daneben sollten nach der Arbeitsgliederung des Instituts 192 Bischöfe, Konsistorialräte, Professoren, Doktoren, Pastoren, Religionspädagogen, Kunstschaffende und Regierungsbeamte in zehn Arbeitskreisen und an 16 Forschungsaufträgen oder Einzelarbeiten bei der „Entjudung von Theologie und Kirche“ mitwirken. Nicht alle davon kamen aber zustande.
Mitarbeiter Leiter des Instituts wurde der Oberregierungsrat Siegfried Leffler, die wissenschaftliche Leitung übernahm Walter Grundmann, Professor für Neues Testament und Völkische Theologie an der Universität Jena. Hauptamtliche Mitarbeiter waren: Heinz Hunger, Pfarrer in Eisenach, als Geschäftsführer (1940 übernahm Hugo Pich die Geschäftsführung von Hunger. 1943 folgte Hans Ermisch auf Pich) Max Adolf Wagenführer und Herbert von Hintzenstern, beide Theologen in Jena, wurden vom Thüringer Landeskirchenrat für die Institutsarbeit beurlaubt. Hinzu kamen eine Sekretärin und eine Halbtagskraft zur Unterstützung der Geschäftsführung.Oliver Arnhold: „Entjudung“ – Kirche im Abgrund, Bd. 2. Berlin 2010, S. 512f., 537f. mini|hochkant|Walter Grundmann: Die Entjudung des religiösen Lebens als Aufgabe deutscher Theologie und Kirche
Das Institut veröffentlichte als Teil seiner Öffentlichkeitsarbeit Mitarbeiterlisten in den Verbandsmitteilungen. Die erste dieser Listen vom 30. Dezember 1939 nannte rund 90 Mitarbeiter, darunter der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Schleswig-Holsteins, Adalbert Paulsen, und der Landeskirchenamtspräsident Christian Kinder. Die zweite Liste vom 31. Dezember 1940 führte rund 130 Namen auf. Weitere Listen vom 25. September und 15. Dezember 1941 nannten rund 33 „neue Mitarbeiter des Instituts“.Hans Prolingheuer: Wir sind in die Irre gegangen. Die Schuld der Kirche unterm Hakenkreuz, nach dem Bekenntnis des ‚Darmstädter Wortes‘ von 1947. Pahl-Rugenstein, Köln 1987, ISBN 3-7609-1144-7, S. 150 f. Nur wenige der aufgeführten Personen verfassten eigene Beiträge für die Verbandsmitteilungen und Veröffentlichungen des Instituts; die meisten waren eher Unterstützer.
Als Teil der Öffentlichkeitsarbeit des Instituts wurden Mitarbeiterlisten in den Verbandsmitteilungen veröffentlicht.Eine erste Liste in den Verbandsmitteilungen Nr. 1 vom 30. Dezember 1939 nennt auf S. 5 ca. 90 Namen; in der Nr. 2/3 vom 31. Dezember 1940 findet sich auf den Seiten 38/39 die umfangreichste Mitarbeiter-Liste von ca. 130 Namen, z. T. die Vorhergegangenen wiederholend. Weitere Namen finden sich in Nr. 4 vom 25. September 1941, S. 103 als „Neue Mitarbeiter des Instituts“ und in Nr. 5/6 vom 15. Dezember 1941 auf S. 133/134: „Neue Mitarbeiter“ mit 33 Einträgen. Die umfangreichste Liste (aus Nr. 2/3 1940) ist bei Prolingheuer abgedruckt;Hans Prolingheuer: Wir sind in die Irre gegangen, S. 150–151. dort finden sich zusätzlich Teile der anderen Listen. Von dieser Vielzahl an „Mitarbeitern“ hat nur ein kleiner Teil in den Verbandsmitteilungen und Veröffentlichungen des Instituts Beiträge verfasst; die Mehrzahl sind eher als Unterstützer anzusehen.
Die Listen führen folgende Personen als Mitarbeiter am Institut auf:Mitarbeiter In: Verbandsmitteilungen Nr. 1, 30. Dezember 1939, S. 5.Mitarbeiter In: Verbandsmitteilungen Nr. 2/3, 31. Dezember 1940, S. 38/39.Neue Mitarbeiter des Instituts In: Verbandsmitteilungen Nr. 4, 25. September 1941, S. 103.Neue Mitarbeiter In: Verbandsmitteilungen Nr. 5/6, 15. Dezember 1941, S. 133.
In kirchenleitender Funktion
Geistliche bzw. Pfarrer
Hochschullehrer bzw. Akademiker
Arbeitskreise Das Institut veranstaltete in den Jahren 1940 bis 1942 in Wittenberg, Eisenach und Nürnberg drei Arbeitstagungen mit bis zu 600 Teilnehmern. Einige Arbeitskreise legten die Ergebnisse ihrer Arbeit in der Form praktischer Arbeitsmittel vor, die in den Kirchgemeinden der beteiligten Landeskirchen das religiöse Leben im Sinne des kirchlichen Antijudaismus und völkischen Antisemitismus prägen sollten: Der Arbeitskreis „Volkstestament“ brachte 1941 ein „entjudetes“ Neues Testament unter dem Titel Die Botschaft Gottes heraus, in dem die Bezüge und Zitate aus dem Alten Testament getilgt waren. Die poetische Endfassung stammte dabei von Lulu von Strauß und Torney. Der Arbeitskreis „Glaubensbuch“ veröffentlichte im gleichen Jahr einen „judenreinen“ Katechismus für Schule und kirchlichen Unterricht unter dem Titel Deutsche mit Gott. Der Arbeitskreis „Gesangbuch“ empfahl 1941 das von der „Nationalkirchlichen Einung Deutsche Christen“ herausgegebene Gesangbuch Großer Gott wir loben dich zur Erprobung und Nutzung in den Kirchen. Der Arbeitskreis „Religionswissenschaft“ wurde von Hans Wilhelm Schmidt geleitet.Vgl. Gottfried Michaelis: Hans Wilhelm Schmidt. In: Ders.: Der Fall Vischer. Ein Kapitel des Kirchenkampfes. Ein Beitrag zur Geschichte Bethels 1932 bis 1946. Luther-Verlag, Bielefeld 1994, ISBN 3-7858-0367-2, S. 164. In Planung war auch ein „Lebensbegleitbuch“ unter dem Titel Der Ruf des Lebens.
Die mit dem Zweiten Weltkrieg verbundene Notsituation in vielen Landeskirchen und Kirchengemeinden lassen freilich eine durchgängige Wirkung dieser Veröffentlichungen auf das kirchliche Leben fraglich erscheinen. Auch wurde das Institut „nur von einer Minderheit im Protestantismus“Eberhard Röhm, Jörg Thierfelder: Juden, Christen, Deutsche 1933–1945. Band III: 1938–1941. Ausgestoßen. Teilband 2 (= Calwer Taschenbibliothek. Band 51). Calwer Verlag, Stuttgart 1995, ISBN 3-7668-3398-7, S. 51 (). getragen.
Beteiligung an der „Endlösung“